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"Hier muβ ich eingreifen" auf Deutsch

Die alte Frau -  zehn Jahre

Ich überlege, wie es wohl ist, in einer Welt zu leben, in der eine alte Frau zehn Jahre lang tot in ihrer Wohnung liegt, bis sie durch Zufall endlich gefunden wird.

Es ist also in dieser Welt möglich, zehn Jahre lang nicht in seinem Tun gestört zu werden. Wenn ich die alte Frau gewesen wäre, und nicht gestorben wäre, hätte ich zehn Jahre lang Geschichten schreiben können, ungestört von Anrufen, E-Mails, dem Steuerprüfer, Haustüraktionen, Spontanbesuchen, Nachbarschaftsfesten, Geburtstagsfeiern ... Wie es jetzt ist, bleibe ich kaum mal zehn Minuten hintereinander ungestört.

Was hätte wohl die Frau in den zehn Jahren toter Einsamkeit alles getan, wenn sie gelebt hätte?

 

Vertaling: Bob Lüder

 

He!

„Hé!“ rief ich, als der kleine Junge, der meiner Sorge anvertraut war, die Beine eines Weberknechtes – so einer großen, nicht unheimlichen Spinne – eins nach dem andern aus dem Leib zog. Der Junge schaute mich an mit einem Blick  wie „Aber … ich bin ein Junge! Und Jungs machen diese Dinge. Das weißt du doch? Es ist unser Geburtsrecht als Jungs, auszuprobieren, wie weit wir gehen können mit den uns umgebenden Wesen.“ Trotzdem setzte der kleine Junge die Reste der Spinne wieder zurück auf die Fensterbank. Vier Beine schleppten den Weberknecht weiter, um die Arbeit, die wichtige Arbeit von Spinnen, fortzusetzen. Und damit hatte ich, als Mädchen, auch mein Geburtsrecht geltend gemacht, mein Geburtsrecht als Mädchen, den Schaden, der durch Jungs verursacht wird, einigermaßen zu beschränken.

 

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

Glücklich haben

Wir waren beide nicht sehr glücklich. Warum auch. Wir hatten einander – und sonst nichts. Und ich weiß sehr gut, dass es Leute gibt, die alles haben, aber nicht einander. Und dass auch die nicht ganz glücklich sind. Zwar haben sie alles, aber sie vermissen eben einander dringend. Diese Leute zeigen auf uns: Die da, die haben einander. Die haben wenigstens was. Und dann rufen wir ihnen zu: Tauschen?!

 

Vertaling: Bob Lüder

 

Sehr glücklich mit nichts

Ich bin sehr glücklich mit nichts.

Auf einem Stuhl sitzen und dem Gesang der Vögel zuzuhören reicht mir, um glücklich zu sein. ,‚Das ist bequem und billig noch dazu!‘', höre ich Sie denken. Aber so ist das nun auch wieder nicht. Überlegen Sie: Das Besitzen eines Stuhls ist eigentlich schon mal nicht nichts. Und dann das Sitzen: Das fordert Energie, Energie aus Essen und Trinken, das muss auch erst mal getan werden. Um nicht zu reden über die Miete fürs Zimmer, wo der Stuhl sich befindet, und das notwendig ist, um nicht von Regen und Wind abgelenkt zu werden.

Wenn das alles erledigt ist, Stuhl, Energie, Zimmer, müssen wir die Vöglein noch zum Singen bringen. Meisenknödel heranschaffen, Erdnussketten und Nistkästen.

Aber dann ist es so weit: Ich kann mich hinsetzen. Und wenn ich so ruhig geworden bin, dass ich das Nichts wahrnehmen kann – eine gewaltige Zeitinvestition, innerlich ruhig zu werden – finde ich im Lauschen auf den Gesang der Vöglein mein glückseliges Nichts.

Bis zu diesem Punkt ist ziemlich viel Arbeit verrichtet worden. Glücklicherweise bin ich dann immerhin ein Weilchen vollkommen glücklich.

Bis der Zirkus wieder von vorn beginnt, der sich dauernd um mein Verlangen nach nichts dreht.

 

Vertaling: Bob Lüder

 

Mich nicht zu klein machen

Mich nicht zu klein machen. Hundert Mal am Tag sage ich mir, dass ich aufrecht stehen muss, dass ich nicht die Schultern hängen lassen darf und dass niemand mehr wert ist als ich. Beim anschließenden Schulterzucken behalte ich die Schultern oben und sage: Gut, das ist die richtige Haltung.

Manchmal stelle ich mich ganz gerade, und versuche herauszukriegen, wie ich mich fühle. Nach einer Weile fühle ich mich zu groß, und bringe mich wieder in die Haltung, in der mein Vater gestorben ist. Mein Vater, der war so krumm, dass er nicht in den Sarg passte, sein Kopf schaute oben heraus. Ich war sehr stolz auf ihn, dass er in seinem eigenen krummen Selbst blieb. Wir mussten einen anderen, größeren Sarg kaufen, um ihn ganz hineinzubekommen. Nicht zu klein. Wenn ich gesenkten Blickes über die Straße husche, einen Verkäufer um fünfzig Gramm Pökelfleisch und ein Pfund Ziegenkäse anflehe – und mich nicht dafür schäme, weder für das Pökelfleisch, noch für den Ziegenkäse, noch für das Flehen, dann geht es mir gut. Dann weiß ich, dass niemand mir irgendetwas vom Brot nimmt, nicht mal ich selbst.

 

Vertaling: Bob Lüder


Dass die Welt untergehen wird

Nein, es ist nicht denkbar, dass die Welt nicht untergehen wird. Stonia saß auf einem steinernen Bänkchen und dachte darüber nach, warum sie da zusammen mit der Welt noch immer saß.

„Es kann jeden Augenblick passieren. Wenn es nicht passiert, dann müsste ich mich schon sehr irren.“

Neben sie setzte sich ein hübscher muskulöser Bursche, der noch niemals in seinem Leben einen Gedanken an das Untergehen der Welt verschwendet hatte. Er hatte einen Apfel und eine Banane bei sich, und dachte darüber nach, eins davon der etwas niedergeschlagen aussehenden Dame neben ihm zu geben. Vielleicht die Banane?

 

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

Hoffnung war gesetzt in die Untertanen                          

Hoffnung war gesetzt in die Untertanen, doch die kratzten mit ihren Nägeln über Steuerformulare, kratzten so laut, dass der Erste Minister es fühlen konnte in seinem Schlaf. Die Ministerin für Besondere Angelegenheiten wusch zwanzig Mal pro Tag die Hände, zwanzig Mal, unterstützt durch ihre Beamten, die sich zwanzig Mal vollständig wuschen und danach ihren Blick gen Westen richteten. Nach dem neunzehnten Mal Händewaschen hing sich die Ministerin für Besondere Angelegenheiten auf. Sie hing da mit sauberen Händen und wurde gerettet durch hundert ganz saubere Beamte, die sie reinigten, allein schon durch ihre Existenz. Durch die Umstände getrieben fuhren alle fort damit, die Hoffnung in die Untertanen zu setzen. Man reinigte sich regelmäßig, weil man  die reine Hoffnung setzen wollte in die Untertanen. Die Untertanen jedoch blieben schmutzig und unwillig, sie kratzten mit ihren Nägeln jede Hoffnung aus der Welt.

                                                                                   

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

In einem Zimmer

Ich saß in einem Zimmer mit zwanzig netten Leuten; es war sehr gemütlich. Nach einer Weile wollte noch einer mit dazukommen. Wir waren im Zweifel, aber wenn es zu zwanzigst gut ging, dann würde es bestimmt auch zu einundzwanzigst gut sein, also redeten wir weiter und der eine machte mit.

Einige Augenblicke später öffnete sich wieder die Tür und noch einer fragte, ob er dazukommen dürfte. Was mit einundzwanzig geht, das geht auch mit zweiundzwanzig, sagten wir, und Nummer zweiundzwanzig war dabei.

Zweiundzwanzig war gerade warm geworden, als die Tür dreimal hintereinander auf und zu ging. Wir bewillkommneten Nummer dreiundzwanzig, vierundzwanzig und fünfundzwanzig, und rückten noch ein bisschen zusammen. Alles war gut. Auch als 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34 und 35 eingetreten waren. Wir konnten nicht mehr alle sitzen, aber mit den vielen Leuten, die sich im Stehen unterhielten, war es nur noch gemütlicher geworden.

Wir freuten uns auch sehr, als 36, 37, 38, 39 und 40 hinzukamen. Wir warfen alle Stühle hinaus, um gleiche Voraussetzungen für alle zu schaffen – und schon passten noch mehr Leute in den nicht übertrieben großen Raum. Er schien irgendwie immer kleiner zu werden, besonders, weil 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47 und 48 ziemlich umfänglich waren, was der Gemütlichkeit zwar keinen Abbruch tat, aber es wurde doch etwas enger. Nachdem 49 und 50 hereingekommen waren, beschlossen wir, die Tür nicht mehr zu öffnen. Einige wollten sogar gehen. Das war ein kluger Entschluss, jedoch schwierig umzusetzen; wir standen eingequetscht wie die Sardinen. Die Tür, die nach innen schlug, ließ sich nicht mehr öffnen. Trotz gutgemeinter Versuche aller Anwesenden, sich so klein wie möglich zu machen, blieb sie blockiert. Durch uns selbst. Wir schluckten. Aber wir wussten, dass wir nicht allein waren. Jeder von uns war ein Mensch, der gern mit anderen zusammen war – und übrigens auch nicht gern allein sterben wollte. Für uns alle war das Schlimmste überhaupt: Einsam auf einem verlassenen Dachboden zugrunde zu gehen. Jetzt konnten wir aufatmen: Auf jeden Fall würde uns ein einsames Ende erspart bleiben.

 

Vertaling: Bob Lüder

 

Zweimal ich

Ich saß eine Stunde lang still in meinem Zimmer, vielleicht auch etwas länger als eine Stunde. Oder vielleicht auch viel länger, und auf einmal sagte ich „ich“. Danach sagte ich wieder eine ganze Weile nichts. Bis ich – ich war ein wenig müde, die Spirituosen waren verschwunden, im Radio hörte ich das Nachtprogramm, in dem Zuhörer die Chance bekamen, auch mal was zu sagen – bis ich erneut „ich“ sagte. Es musste etwas bedeuten, dass ich „ich“ gesagt hatte, grundlos, zweimal an einem Abend.

 

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

Noch immer küssend

Noch immer küssend wendete Vilja sich von Olmwroeg ab, der auch weiter küsste, was für die Zaungäste um sie herum ein schwierig zu verstehendes Schauspiel wurde.

„So was können sie in Filmen machen“, keifte eine alte Frau. „Sie dürfen hier küssen, aber nur miteinander.“ Alle Zaungäste teilten ihre Ansicht. Aber trotz etlicher  Zieh- und Drückversuche gelang es nicht, Vilja und Olmwroeg wieder zusammen zu kriegen.

„Dann brauchen wir Ersatz!“

Aus der Menge wurden mit der Hilfe einer demokratischen Wahl zwei Stellvertreter gewählt, und die Gewählten nahmen die Wahl an.

Zunächst fand Vilja neue Lippen auf ihren Lippen und frische Arme um sich herum. Die Dame, deren Aufgabe Olmwroeg war, zögerte. Sie zögerte und zögerte und die Menge fing langsam an, sich aufzuregen.

„Du bist demokratisch gewählt!“ „Du hast deine Aufgabe zu erfüllen!“

Die demokratisch gewählte Dame war erfüllt von einem Gefühl, das noch am meisten an Ekel erinnerte. Die Menschenmenge brüllte. Schließlich tat die Dame den Schritt, der ihr verborgenes gesellschaftliches Pflichtgefühl offenbarte: Sie nahm den noch immer alleine küssenden Olmwroeg in ihre Arme. Ein Seufzer ging durch die Menschenmenge. Alle waren glücklich. Alle waren glücklich, Leute! Durch die Demokratie!

Vielleicht die eine Dame nicht. Aber die meisten Leute schon!

 

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

Mann geworden

„Jippie!“ rief der Rotzjunge, als er den Bericht im Lokalblatt sah. „Ich bin ein Mann geworden, ich bin ein Mann geworden!“ Er lief zu seiner Mutter: „Schau mal, ich bin ein Mann geworden!“

„Ja, Junge,“ sagte seine Mutter, „es steht da tatsächlich: ‘Gestern vormittag wurde der 19jährige Mann Johnny M. inhaftiert wegen zweier Taschendiebstähle, aber kurz darauf wieder freigelassen wegen Mangels an Zellen.’”

„Jippie!“ rief der Rotzjunge.

„Herzlichen Glückwunsch,“ sagte seine Mutter. Junge, du bist ein Mann geworden.“

Händereibend ging sie in die Küche. „Junge Junge,“ murmelte sie, „wer hätte das gedacht.“

 

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

Wesen, die kleiner sind als ich

 

Jedes Jahr in der Mückensaison hatte Diederik viel Freude, denn er liebte das Jagen auf Wesen, die kleiner waren als er. Er trieb sie in eine Ecke und schlug sie mit der Fliegenklatsche seiner Mutter tot. Danach schaute er sich um, ob niemand es gesehen hatte – meistens hatte niemand es gesehen. Manchmal bezog die Mutter gerade im Zimmer die Betten, aber es schien sie nicht zu stören. Das Totschlagen von Wesen, die kleiner sind als man selbst, schien auch ihr ganz natürlich. Als die Mückensaison vorbei war, fing Diederik an, auf seinen Nägeln zu beißen. Seine Nägel waren hübsche kleine Wesen, sie wuchsen ganz von selbst aus seinen Fingern und seinen Zehen. Diese Wesen zu ärgern, war so ungefähr das Einzige, das Diederik in den langen Wintermonaten erdenken konnte, ansonsten gab es um ihn herum ausschließlich Wesen, die größer waren als er.

 

Vertaling: Bernhard Christiansen & Bob Lüder

 

Nichts mehr merken

Ich aß, um nichts mehr zu merken; und als ich nichts mehr merkte, hatte ich Bauchschmerzen. Der Arzt sagte, dass ich tief atmen solle. Meine Mutter sagte, ich solle ein Glas Wein trinken. Mein Mann sagte, ich solle ins Bett kommen. Der Kühlschrank sagte, er hätte es nicht so gemeint.

Alle haben gut reden. Ich darf mit meinen Füßen über diese Erde gehen, aus meinen Füßen Pfoten machen, aus meiner Nase eine Schnauze, aus meiner dünnen Haut fetten Speck, aus meinem Hunger ein gieriges Schnüffeln. Aber ich darf nicht, sagt meine Mutter, auf den Arzt hören, während mein Mann meiner Mutter verbietet, mit mir zu reden und der Arzt mir schon wieder eine Scheidung verschreibt.

 

Vertaling: Bob Lüder

 

Der Teppich im Flur

Ich habe den Teppich im Flur, ich habe

den Teppich im Flur, den Teppich im Flur

habe ich – und ich habe gesehen, dass er schief lag –

nicht geradegezogen, ich habe eine Stunde,

eine Stunde lang den Teppich im Flur nicht geradegezogen,

ich habe das erst nach einer Stunde getan.

Der Arzt sagt, dass es nicht nötig sei,

den Teppich im Flur ständig geradezuziehen

und es ist möglich, dass er recht hat, es ist möglich,

aber wie kann ich schließlich den Teppich in meinem Kopf

geradeziehen, wenn er nicht mal im Flur geradeliegt.

Erst der Flur und dann mein Kopf. Der Arzt sagt,

dass der Teppich nichts in meinem Kopf zu suchen hat.

Aber wie bekommt man einen Teppich aus dem Kopf.

Aus dem Flur. Ja. Ich stelle mir vor, wie ich eines Morgens

den Teppich aufrolle, ihn die Treppe hinabhüpfen

lasse und ihn dann vor die Haustür lege, damit ihn

irgendjemand mitnehmen kann. Aber wie kann ich wissen

ob er bei irgendjemand nicht wieder schief im Flur liegt?

Und woher weiß ich, dass ich dann nicht selbst einen anderen

Teppich in meinen Flur lege und dann habe ich zwei

Teppiche in meinem Kopf. Der Arzt sagt, dass ich den Teppich

absichtlich schief hinlegen soll. Ich soll in den Flur gehen,

ich soll den Teppich ansehen und ihn dann nicht einen

oder zwei Zentimeter, sondern drei oder vier Zentimeter

verschieben. Und ich soll dann ruhig schlafen gehen.

Am nächsten Tag soll ich wach werden und feststellen,

dass nichts schiefgegangen ist!

 

Vertaling: Bob Lüder